Herkenrather Marienkapelle

Willi Hostenbach berichtet heute von der Herkenrather-Kapelle bei Süsterseel. Vorab erfahren wir Näheres über den Ursprung der Ortsbezeichnung. Ergänzt wird der Bericht durch einen Beitrag von Gemeindereferentin Ruth Quix.

Der Name ‚Herkenrath‘:

Im Norden der Ortschaft Süsterseel, unmittelbar an der neuen Gemeindeverbindungstrasse Richtung Hastenrath, liegt etwa auf halber Strecke ein Laubwäldchen, das im Volksmund „Et Herkender“ genannt wird. Diese Feldflur Herkenrath, zu der auch weitere ganz in der Nähe gelegene Flurnamen zu zählen sind, gilt wohl als die geschichtsträchtigste Gemarkung Süsterseels, lange Zeit vor der ersten urkundlichen Erwähnung des Ortes im Jahre 1299.

Verbinden wir die Überlieferungen und manche alten Erzählungen mit der Geschichte unserer Heimat, gewinnen wir allmählich ein interessantes Bild einer längst vergangenen Epoche, die auch heute noch ihre Geheimnisse nicht ganz preisgeben will.

Das wichtigste Dokument, das über die Verhältnisse der damaligen Zeit Auskunft gibt, ist die Stiftungsurkunde der Siegburger Propstei aus dem Jahre 1144. In diesem Schriftstück bekundete der Erzbischof zu Köln, Arnold I., unter anderem auch das gegenseitige Verhalten der Pfarr- und Klostergeistlichen untereinander. Die Urkunde nennt detailliert die Größe der verschiedenen Grundbesitze in den jeweiligen Ortschaften, die zur Siegburger Propstei gehörten.

In den hiesigen jahrhundertealten Erzählungen taucht daher immer wieder der Name des Dorfes Herkenrode auf, das auch in der genannten Urkunde erwähnt wird. Dort heißt es, dass die damals gegründete klösterliche Niederlassung zu Millen Einkünfte aus „einhalb mansus“ (etwa 15 Morgen Land) in Hyrkenrode hatte. Der Heimatforscher Anton Peter Tholen ist der Ansicht, dass es sich hier um das Süsterseeler Herkenrath handelt, zumal in der bereits genannten Stiftungsurkunde hauptsächlich Orte aus der näheren Umgebung Millens genannt werden.

Die Siedlung Herkenrode gilt jedoch als längst versunkenes Dorf in der Gemarkung Süsterseel. Diese Ansicht wird auch dadurch unterstützt, dass zu Anfang des vergangenen Jahrhunderts von älteren Einwohnern in den Feldfluren rings um das Laubwäldchen Mauerreste, Ziegelsteine und Scherben von Gefäßen gefunden wurden. Diese Bodenfunde ordneten Fachleute dem 8. und 9. Jahrhundert zu.

„Herkenrather Marienkapelle“

Die Süsterseeler Marienkapelle, gelegen in der Nähe des Herkenrather Laubwäldchen, das im Volksmund „Et Herkender“ genannt wird, gilt auch heute noch als markanter Punkt in den weiten Feldgemarkungen zwischen den Ortschaften Süsterseel, Hastenrath und Gangelt etwas abseits von der durch die Niederlande erbauten und quer durch den Selfkant führenden (ehemaligen) Transitstraße Schinveld – Koningsbosch. Heute ist diese Straße die L410. Die kleine Kapelle ist über viele Jahrzehnte, fernab vom Lärm und der Hektik des Alltagsgeschehens, ein Ort der Besinnung, des stillen Gebetes und der Begegnung mit Gott geblieben. Über dem Portal befindet sich, eingemeißelt neben einem Blumenkreuz und der Jahreszahl 1883, die Inschrift: „O Maria, Königin des heiligen Rosenkranzes, bitte für uns.“ Den Innenraum schmückt ein neugotischer Holzaltar mit der Statue der hl. Gottesmutter und dem Jesu-Kind. Dieser Altar, ursprünglich der Heiligen Kirchenpatronin Anna geweiht, gehörte noch vor einigen Jahrzehnten zu den Ausstattungsstücken der Pfarrkirche Sankt Hubertus Süsterseel.

Obwohl die Kapelle weit über 100 Jahre alt ist, weiß man über die Baugeschichte relativ wenig. Das Pfarrhaus in Süsterseel wurde im Kriegswinter 1944/45, als die Feldkapelle im Niemandsland zwischen der deutschen und alliierten Front lag, durch eine Feuersbrunst vollständig zerstört. Dabei wurde ein großer Teil der Kirchenbücher, darunter möglicherweise auch die von den Ortspfarrern handschriftlich verfassten und in einer sogenannten Dokumentenkiste aufbewahrten Kirchenchroniken ein Raub der Flammen. Infolgedessen fehlen uns heute schriftliche Quellen über die Erbauung dieser Kapelle. Aus einigen anderen erhalten gebliebenen Dokumenten lässt sich aber trotz allem mancherlei über die Baugeschichte ableiten.

Die Jahreszahl 1883 über dem Eingangstor weist auf den Beginn der Erbauung der jetzigen Feldkapelle hin. Ältere Süsterseeler Bürger wissen auch zu berichten, dass ihre Eltern und Großeltern ihnen wiederholt erzählt haben, dass an der Stelle, an der die heutige Kapelle steht, schon vorher ein altes Kapellchen gestanden hat, das aber im Laufe der Jahrhunderte baufällig geworden sei.

Erst 25 Jahre nach der Errichtung der Herkenrather Feldkapelle tauchen erste handschriftliche Quellen als Anhaltspunkte zur Baugeschichte auf. Am 27. August 1908 hat der Rentner Matthias Robertz vor dem Notar, Justizrat Dahmen, wohnhaft in Gangelt, testamentarisch festlegen lassen: „Sodann vermache ich der katholischen Kirche in Süsterseel das von der Stassen`schen Konkursmasse erworbene Kapellchen mit Grund und Boden, nämlich `Gemeinde Süsterseel, Flur-No. 1586/0 1055 hinter Herkenrath´.“ 

Die Kapelle war also ursprünglich Eigentum einer Familie namens Stassen, von der allerdings heute niemand mehr in Süsterseel wohnt. In der Chronik der ehemaligen Bürgermeisterei Wehr, die die Kriegswirren überstanden hat, finden wir im Jahre 1879 eine Eintragung, dass der Gutsbesitzer und Kaufmann Johann Stassen zum Gemeindevorsteher von Süsterseel ernannt wurde. Im Jahr 1881 wurde er erster Beigeordneter der Bürgermeisterei Wehr. Über den im Testament erwähnten Konkurs findet sich in der genannten Chronik des Jahres 1892 ein Vermerk, dass Johann Stassen wegen eines Bankrotts seine sämtlichen Gemeindeämter niederlegte.

Bei der Versteigerung der Konkursmasse hat dann der Rentner Matthias Robertz das in der Süsterseeler Gemarkung Herkenrath gelegene Kapellchen ersteigert und es 1908 der katholischen Kirchengemeinde vermacht.

Im freien Feld gelegen, nur geringfügig geschützt von einigen Lindenbäumen, ist das kleine Gotteshaus der ständigen Witterung ausgesetzt. In den vergangenen Jahren trieben Chaoten zudem ihr Unwesen, zerschlugen mutwillig Teile der Bleiverglasung und entwendeten wertvolle Ausstattungsstücke der Feldkapelle. Im April 1992 entstanden bedingt durch ein Erdbeben zudem größere Schäden an dem Bauwerk. Die Feldkapelle musste geschlossen werden, um eine umfangreiche Sanierung zu ermöglichen.

Nach den Vorgaben der Denkmalschutzbehörde und des Bistums Aachen wurde daraufhin das Mauerwerk saniert, das Schieferdach neu eingedeckt, die Dachlaterne und die Regenwasserableitung erneuert und ein neues Portal eingesetzt. Die Inschrift über dem Eingang wurde ausgemeißelt und der Giebel mit einem aus Naturstein gehauenen Kreuz gekrönt.

Neben den restauratorischen Malerarbeiten sind besonders die künstlerischen Ausmalungen an der Rückwandfläche und über dem Innenportal zu erwähnen, die vom Süsterseeler Malermeister Heinrich Beyers ausgeführt wurden. Restauriert wurden auch der Altar und die alte Portaltür im Innenraum. Für die gründlichen Sanierungs- und Renovierungsarbeiten waren zwei Jahre notwendig. Die Einweihung der Herkenrather Marienkapelle erfolgte am 31. August 1997.

Gedicht von Peter Stass aus Gangelt über die Feldkapelle:

Kleine Kapelle, mitten im Feld,

von alten Linden schirmend umstellt.

Und drinnen Halbdunkel,

und gütig und mild

leuchtet und grüßet,

Liebfraue, Dein Bild.

O Mutter der Liebe

heb´ Deine Hand

und segne die Heimat,

das Selfkänter Land.

 

Mitten im Feld, mitten im Grünen. Zwischen zwei Hauptstraßen und doch weit ab vom Schuss. Entfernte Straßengeräusche und doch eine wohltuende Ruhe für Körper und Seele. Zumindest vor der Ernte kann man die Herkenrather Marienkapelle in Süsterseel völlig unbeobachtet besuchen, die Natur genießen und ein Schwätzchen mit dem lieben Herrn Gott halten. Oder auch seine Sorgen und Nöte der Gottesmutter anvertrauen und eine selbstmitgebrachte Kerze anzünden.

 Dass es eine solche Möglichkeit im oft stressigen Alltag für jeden von uns gibt ist ein wahrer Segen! Und doch steht, wie bei jedem Vorzug, viel Arbeit dahinter, die meistens zu wenig gewürdigt wird, da sie unscheinbar ist und immer schon da war. Kein Grund für uns! Wir wollen den fleißigen Frauen und Männern, die die Kapelle jeden Tag auf- und zuschließen für Ihre Arbeit danken. Das Team besteht aus ca. 14 Leuten (einer aus Hastenrath, sonst Süsterseeler), die abwechselnd eine Woche lang diesen Dienst übernehmen und sich dann zweimal am Tag auf den Weg zum Kapellchen machen.

An dieser Stelle möchte ich besonders Anni Schürgers erwähnen, die nicht nur Teil dieses Teams ist, sondern die Kapelle auch regelmäßig putzt. Wohlgemerkt gibt es dort draußen keinen Wasseranschluss und alles benötigte Wasser muss im Kanister mitgebracht werden. Auch die eigentlich so wohltuende Abgeschiedenheit hat ihre Schattenseiten, denn Frau Schürgers fühlt sich nicht immer so sicher dort im Feld, wo sie keiner sieht.

 Trotz der gelegentlichen Diebstähle und Brände gibt es auch Situationen zum Schmunzeln (zumindest im Nachhinein): Ein Besen verbleibt zum Fegen immer an der Kapelle. Den sollte ja eigentlich jeder zu Hause haben, sodass der bestimmt nicht geklaut wird – soweit die Gedanken von Anni Schürgers. Aber jemand sah das wohl anders und eines Tages war er weg. Erbost, dass sie ihre Arbeit nicht fortsetzen konnte, hing sie einen Brief an die Kapelle und siehe da, der Besen tauchte wieder auf. Als er ein zweites Mal verschwand, kann man sich den Ärger von Frau Schürgers vorstellen. Doch er war wohl nicht erneut geklaut worden, sondern ein netter Helfer fand ihn: Im Baum! Wer sich da wohl an Besen-Hochwurf versucht hat? 

Auch die jährliche anonyme Blumenspende (immer ungefähr zehn Hortensien im Mai) gibt Rätsel auf. Die mit Sicherheit wohlgemeinte Geste stellt die Blumenpflege vor Herausforderungen, denn – wie bereits erwähnt – muss jedes Wasser mitgebracht werden. Leider wird die Freude über die Spende dann durch die Sorge um die pflegeintensiven Blumen getrübt. 

Das Team hält den Betrieb um die Kapelle trotz aller Herausforderungen aufrecht und würde sich sehr über Zuwachs freuen! Wie immer und überall werden die Mitglieder nicht jünger und je mehr Leute auf der Liste stehen, desto seltener ist jeder in der Verantwortung (bisher 3-4x im Jahr). Also, wer sich berufen fühlt, kann sich gerne bei Anni Schürgers oder im Pfarrbüro Süsterseel melden und das Team bereichern. 

Abschließend bleibt nur noch einmal ein großes Dankeschön im Namen des Seelsorgeteams an alle Helfer und Unterstützer auszusprechen und jeden herzlich einzuladen, einen kleinen Ausflug zur Herkenrather Marienkapelle zu unternehmen. Es lohnt sich!

 

Für das Seelsorgeteam                                            

Ruth Quix